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Les.Art Festival: Abschlussgala im domicil Dortmund

Im domicil Jazzclub in Dortmund findet heute Abend das Les.Art Literaturfestival mit einer Abschlussgala mit Kurzlesungen, Konzerten und prominenten Gästen  ihren krönenden Schlusspunkt. Der Eintritt ist frei, mit Glück können noch Karten über die Mail-Adresse der Chamisso-Tage Ruhr 2013 erworben werden.

zwei24-Tipp: Alle Gäste sollten vor allem bei den Lesungen von Asfa Wossen Asserate und Abbas Khider sowie der russischen Lyrikerin Olga Martynova genau hinhören.

Einlass 19 Uhr, Beginn 19:30 Uhr.
Wann? Heute abend!

Frédéric Valin — In kleinen Städten

Ich versuche jetzt einmal etwas neues, eine neue Art der Rezension. Sie trägt den Titel »Der Klappentextverriss«. Und ebenjenen hat sie als Ziel: Den sinnentleerten Klappentext voller überstrapazierter Worte und Sätze ohne Aussage. Denn so gerne ich intellektuelle und/oder unabhängige Verlage aufgrund ihrer feinsinnigen Autoren- und Prosaauswahl habe, so sehr ekeln mich doch meist ihre nichtssagenden Klappentexte an. Also wird sich diese Rezension von Frédéric Valins Kurzgeschichtensammlung “In kleinen Städten” um eine kurze Demontage ihres den Autor und sein Erstlingswerk huldigenden Klappentextes drehen und von ihr ausgehend ihren (wahren) Inhalt diskutieren.

Vorher gibt es noch als kleinen Leitfaden ein paar Informationen zur Ausgabe: Das Buch ist im Oktober 2013 in einem sehr handlichen, kleinen Bändchen des Verbrecher Verlags erschienen. Farbe des Umschlags: rot. Geruch der noch halbwegs druckfrischen Seiten: leider leicht brechreizerregend.

Doch nun aber hinein in das Abenteuer, hinein in den Pool der Klappentexterei. Ich glaube, dass es hier (wie auch sonst) sinnvoll ist, mit dem ersten Satz zu beginnen. Also dann, auf geht’s:

“Frédéric Valin erzählt vom Abseitigen im Alltäglichen.”

Kurz und knapp gesagt: Nein, tut er nicht. Er erzählt einfach nur von Alltagssituationen. Diese sind zwar absonderlich und manchmal sehr unangenehm, aber keineswegs abseitig.

“Er erzählt vom Umgang mit Behinderung und Tod,…”

Für Pfleger wie den Protagonisten der ersten, sehr bedrückenden Geschichte des Bandes mit dem nicht zufällig gewählten Titel “Der Vorgang” ist Behinderung und Tod das alltäglichste auf der Welt — und so ist sie auch geschrieben. Also, in Bezug auf den ersten Satz ist diese Aussage auch falsch.

“…Arbeit und Karrieremöglichkeiten, entfremdeten Familien…”

Im Leben eines Erwachsenen (und nicht nur in dem des psychisch nicht ganz gesunden, wie Valin sie fast durchweg skizziert) bedeutet das Lösen von den Eltern und/oder die Vertiefung in Arbeit und Karriere aufgrund von sexuellen oder persönlichen Problemen oftmals die größte aller Freiheiten und scheint in Extremsituationen ganz und gar nicht abwegig, sondern vielmehr als einzige Lösung. Also gilt auch hier: Eher Alltag als Abseits.

“…und von Kompromissen, die man in der Liebe eingeht.”

Der sinnentleerteste (kann man das überhaupt steigern?) Teil dieser Aufzählung. Man geht in der Liebe immer Kompromisse ein, was ist daran bitte abseitig? Also bitte. Aber gut, vielleicht ändert ja die Erzählweise etwas daran, vielleicht macht sie diese Alltagssituationen abseitig. Wie erzählt Frédéric Valin denn so, liebe( r) Klappentexter(in)?

“Und er erzählt rasant,…”

Falsch. Die Geschichten sind ruhig, durchstilisiert und fokussiert geschrieben. An Valins Sprache ist einiges zu loben, ihr hohes Erzähltempo gehört allerdings nicht dazu.

“…mitfühlend…”

Falsch. Valins Erzähler ist meistens kühl und distanziert. Mitgefühl ist das, was der Leser recht häufig bei der Lektüre von “In kleinen Städten” fühlt, nur dann sollte es eher heißen, dass Valin durch seine Geschichten Mitgefühl auslöst, als dass sie es transportieren.

“…und nicht ohne Ironie.”

Oha, eine richtige Erkenntnis! Ja, das Lob von Valins Ironie, die er immer wieder durch absurde Beschreibungen und Dialoge in seine Erzählungen einwebt, ist die einzige richtige Aussage des Klappentexte. Ironisieren ist die größte Stärke des Frédéric Valin. Vor allem in der etwas längeren Erzählung “Der Oberbürgermeister”, die mir als einzige richtig und von Anfang bis Ende gefallen hat, habe ich häufiger laut aufgelacht.

In ihr beweist der Autor, dass er zu mehr fähig ist als den oft inhaltslosen, teilweise sogar zum Zuklappen langweiligen Passagen in “Lea lacht” und vor allem der Geschichte “Mutter”. Er zeigt, dass er ein Gespür für soziale Gegebenheiten hat, auf dem Land wie in der Stadt. Und er zeigt vor allem, dass er, wenn die Idee stimmt, ein breites Spektrum verschiedenster (übrigens vornehmlich männlicher) Charaktere logisch verknüpfen und gleichwertig auftreten lassen kann. Nur in “Der Oberbürgermeister” wird, mithilfe von Ironie und lächerlicher Charaktereigenschaften sturköpfiger Konservativer oder Möchtegern-Progressiven das Dorfleben in kleinen Städten (daher übrigens auch der Buchtitel) wirklich lebendig und realitätsnah.

So. Ich finde, das hat doch ganz gut funktioniert. Natürlich reicht so ein “Klappentextveriss” nicht alleine aus, um ein Buches gut darzustellen, daher hier noch ein kleines Endfazit: Lässt man den total abwegigen Klappentext einmal hinter sich und geht unvoreingenommen auf die Geschichten Valins ein, wird man zwischen ca. 80 bis 90 Seiten eher durchwachsener Geschichten zwischendurch einige Geistesblitze und gekonnte Sozialkritik entdecken können.

“In kleinen Städten” ist als Gesamtwerk kein Buch, welche ich als Empfehlung betiteln würde, dient sich aber (auch aufgrund seiner Portabilität, die ich hier noch einmal hervorheben will) als leichtes Unterhaltungsbüchlein für unterwegs gut an und wird auch bestimmt nicht das letzte und beste gewesen sein, was wir vom erst 31-jährigen Frédéric Valin aus Berlin gehört haben.

von Lukas Hermann

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Erschienen: 1. Auflage 2013 im Verbrecher Verlag
167 Seiten, deutsch

Preis: 14,00€, broschiert
ISBN: 978-3943167429

Nicole Zepter — Kunst hassen

 Die Situation ist schon fast zu paradox, nahezu klassisch postmodern. Ich stehe in einem der konservativsten, man könnte fast schon sagen versteinerten Museen Europas in Sachen Ausstellungsräume und Kuration — und kaufe ein Buch zum Thema Kunsthass. Nicht Kunstkritik, Kunsthass. Nicole Zepter, laut Klappentext eine Meisterin der Künste im Fach Kunstgeschichte, hat es geschrieben und vom Tropen Verlag zwischen zwei Leinen-Umschlagklappen drucken lassen.

Zepters größter, im Zuge ihrer 160 Seiten langen Argumentation immer wiederkehrender Wunsch ist es, die Kunst dem Menschen zurückzugeben. Mit überbordendem Kunsthass als ultimative Form der Kunstauffassung zu selektieren, was wirklich gut ist, und so in Zeiten der Informationsflut wahre Kunst wieder lieben zu lernen. Als Ausgangspunkt vertritt sie die Meinung, dass die Institution des Museums den Kulturinteressierten für total borniert, uninteressiert und generell unheimlich verblödet hält; vor allem mit Ihren Armeen von Security-Retorten, die alle gelangweilt in Uniform in der Ecke sitzen, lesen oder apathisch an die Wand starren, bis sie wieder ein Opfer gefunden haben, welches sie aufgrund von unachtsamen Fotografieren von wertvollen Gemälden oder zu naher, fast schon interessierter Betrachtung einer Skulptur im Flüsterton zurechtweisen können. Und dass sie (die Institution) sich herausnimmt, alle Besucher mit weißen Wänden und immer gleichen Ausstellungsformen in ihre intellektuellen Schranken zu verweisen und ihnen in Tempelmanier ihre Unwissenheit mit der Dauerschleifen-Präsentation von Van Goghs, Magrittes und hier und da ein paar zeitgenössichen Künstlern vorzubeten.

Klingt ja alles schön und richtig, allerdings fehlt Zepter bei ihrem Postulat der Neuentdeckung echten Kunstverständnisses durch Kunsthass eine kleine Sache: Echter Hass. Sie schreibt unglaubwürdig, von einem Kunsthistorikerthron herab zu den Unwissenden, ohne Witz und Ironie, einfalls- und tonlos. Ziel total verfehlt. Das Problem des Immergleichen — der immmergleichen Führungen mit den immergleichen Floskeln von den immergleichen schlechten Erwachsenenpädagogen, die so klingen, als hätten sie nicht nur in Pseudo-Weisheit, sondern zusätzlich in Besserwisserei gebadet — ist vielen bekannt. Ich war in den letzten zwei Jahren in mehr als 20 Museumsausstellungen, aber keine hat mich berührt. Keine einzige. Und genauso wird es auch 90% aller anderen Museumsgänger ergangen sein. Nur den 10%, die mit dieser sensationsheischenden Museumskultur die Kohle verdienen, denen nicht. Aber denen ist das auch herzlich egal, zumindest meinem Gefühl nach zu urteilen.

Das Problem der Anpassung an dieses System, das eigentlich durch die echte Kritik und puren Hass lebendig wird, das diskutieren die wenigsten. Was die armen, sich verarscht fühlenden 90% (um die sich das Buch eigentlich drehen sollte) darum brauchen, sind Lösungen, Wege des Kunsthasses. Sie wollen sich davon überzeugen, dass nicht sie, sondern die bornierten, langweilige Schlaftabletten von Kuratoren, die Dummen sind. Lösungen hat Zepter aber nicht anzubieten. Sie wirkt oft wie eine Angela Merkel der Kunstpädagogik: zu allem eine Meinung, aber für nichts zu gebrauchen. Folglich schließt das Buch auch nicht mit den Sätzen: “Gehen Sie mal in ein Museum und sagen Sie vor einem potthässlichen Bild von Dalí laut, dass dieses Werk richtig scheiße ist, stümperhaft gemalt und ohne echte Inspiration geschaffen.” Und wenn sie dann zurechtgewiesen werden, weil man in einem Museum (warum auch immer?) leise zu sein hat, sagen Sie dem Personal, dass Sie verdammt noch mal Geld für diesen Mumpitz bezahlt haben und damit das Recht haben, Ihre Meinung auch kundzutun, und dass wenn die Museumsleitung damit aus irgendeinem Grund nicht einverstanden ist, sie in wenigen Tagen einen Verriss ihrer gesamten Arbeit auf ihrem einflussreichen Regionalkulturblog lesen werden. Aber Zepter betet nur reaktionär und opportun genau die Symptome herunter, die die Kunstkritik und -liebe in den letzten Jahren so oberflächlich gemacht haben ohne die Ursache zu benennen oder ihr auch nahe zu kommen. Und das in einer hochtrabenden Sprache die wohl kaum alle verstehen werden, die dieses Problem betrifft. Traurig, würde ich sagen.

Rückblickend könnten Sie als Leser nun natürlich durchaus anmerken, dass das Buch seinen Zweck doch nicht verfeht hat. Denn Zepter hat es trotz aller geschafft, jemanden zur Ausübung echten Kunsthasses zu bringen: Mich. Ironischerweise über ihr eigenes Buch. Womit wir wieder bei der endlosen Selbstreflexivität der Postmoderne wären, die wie das Buch “Kunst hassen” trotz edlem Ziel kaum jemanden wirklich weiterbringen kann..

Dann doch lieber nur für sich sagen, dass Bilder im Stil des abstrakten Expressionismus keine Kunst sind, sondern am ehesten als Brennmaterial taugen. Ohne schlechte Bücher über vermeintlich richtiges Hassen.

— Lukas Hermann

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Erschienen: 2. Auflage 2013 im Tropen Verlag
139 Seiten, deutsch

Preis: 12,00€, broschiert, Leinenüberzug
ISBN: 978-3-608-50307-4

Moacyr Scliar — Kafkas Leoparden

Als aktives Mitglied der modernen Leistungsgesellschaft bin ich ein Mensch, der generell kurze Romane längeren vorzieht. Es sei denn, ein langer Roman weist sich von der ersten Seite als ein einfach nur wahnsinnig guter aus. Als glorreiche Beispiele seien hier kurz “Unendlicher Spaß”, “Die Korrekturen” und “2666″ erwähnt. Und ich mag kurze Romane auch nur dann, wenn sie prägnant verfasst sind und trotz weniger Seiten enormen Tiefgang aufweisen. Durch diesen Gedankengang entsteht ein ernsthaftes Problem: wenn kurze Romane sich schon nach wenigen Seiten als unfassbar flach erweisen, will ich sie meistens trotzdem noch zu Ende lesen — so von wegen: “Ist ja eh nicht mehr viel bis zum Ende, da kann ich mich ja auch noch durchquälen”. Das Resultat ist meistens, dass ich nach so einem Horrortrip tagelang kein Buch mehr anfasse. Und danach auch, dass ich mir, sollte ich mich dazu aufraffen ein neues zu lesen, immer sage, dass ich diesmal das Buch abbrechen werde, wenn es mir nicht gefällt. Egal wie wenige Seiten nach dieser Erkenntnis noch zu absolvieren sind. Mache ich aber dann doch nicht — das beste Beispiel dafür ist die Lektüre von “Die Bar” letzten Monat. Das nächste Buch, dass ich danach lesen werde, wird etwas besonderes sein, schwor ich mir — und kaum gedacht, kam sie auch schon, die Rettung: “Kafkas Leoparden” von Moacyr Scliar, seit letzter Woche erstmals auf deutsch zu lesen. Mit Kafka kann man bei mir eigentlich sowieso nichts falsch machen, dachte ich, und nahm mir den Band aus der Lilienfeldiana-Reihe des Lilienfeld Verlages vor.

Doch machte sich, als ich mit dem nur 120 Seiten starken Roman begann, in mir eine wirbelnde Unruhe breit. Was ist, wenn der Roman sich des Kafka-Kitsches bedient, den Bücher wie “Die Herrlichkeit des Lebens” oder Teile der Graphic Novel “Kafka” von Robert Crumb in der Vergangenheit gut gesättigt haben? Was ist, wenn die Geschichte einfach nicht originell ist? Was, wenn Scliar so komisch surrealistisch schreibt wie dieser furchtbare Gabriel Garcia Marquez? Was ist, wenn ich nach diesem Buch mich nie wieder traue ein Buch zu lesen? Und wann fängt eigentlich endlich die Bundesliga wieder an? Naja egal, rein ins kalte Wasser, erste Seite einfach mal anlesen, kann ja nichts passieren. Zweite Seite. Dritte. Ich blicke auf, wieder runter, Seite 20. Verdammt, ein Pageturner! Nach wenigen Stunden war das Buch schon ausgelesen.

“Kafkas Leoparden” handelt, auch wenn man sich es an den Stellen, an denen er wichtig wird, manchmal wünscht, nicht von Franz Kafkas Leben. Der Charakter Kafkas wird zwar  mit Fakten aus seinen Tagebüchern und Werken sehr klar dargestellt, kann aber wohl kaum als zentrale Figur beschrieben werden. Die Hauptrolle ist dem jungen, naiven, jüdischen Russen Benjamin, genannt Ratinho vorbehalten. Kurz vorm Ende des ersten Weltkrieges bekommt er von einem Freund einen Geheimauftrag von Leo Trotzki in Prag zugeteilt. Dieser dreht sich um einen rätselhaften Text von einem gewissen Franz Kafka, mit dem Titel “Leoparden im Tempel”. Auf seiner Suche nach der Bedeutung des Textes trifft Ratinho auf seinen Reisen und in Prag auf zwielichtige Flüchtlingshelfer, düstere Portiers, verliebt sich, bekommt Geschichten über das Prager Ghetto erzählt, gewinnt, verliert, und lernt vor allem sich selbst kennen.

Ich habe also Glück gehabt, mit allem: Moacyr Scliar, der vor zwei Jahren in seinem Geburtsort Porto Alegre im Alter von 73 Jahren starb und von dem ich vorher nie etwas gehört geschweige denn gelesen habe, verfügt über einen beeindruckenden Schreibstil, der die Grenzen zwischen historischen Fakten und Fiktion, trockener Ironie, warmen Dialogen und nüchterner Sachlichkeit der Charakterzeichnung mit Leichtigkeit vermischt. Seine überragenden schriftstellerischen Fähigkeiten stehen in “Kafkas Leoparden” dennoch vollends im Dienst der Geschichte. Scliar hinterlässt beim Lesen nicht, wie so viele andere, einen allein mit dem Autor assoziierten Gefühlskanon. Er bringt vielmehr eine vielschichtige, präzise ausformulierte Geschichte auf das Papier, die mir ihre vielen Figuren so lebendig wie kaum eine andere vor Augen führen konnte, ohne dabei sinnlos toll klingende Wörter zu vergeuden oder die Beschreibungen opulent auszuschmücken.

Es ist eine sehr dichte, von der brutalen Weltpolitik des 20. Jahrhundert verletzte Lebensspanne Ratinhos, von der Scliar erzählt. “Kafkas Leoparden” zeigt eine klare, weise Sicht auf den Sinn des Lebens und des Todes, von Ruhm und Scheitern, auf nur 120 treibenden Seiten. Eingebettet in eine Rahmenhandlung, die bis zu den rebellischen Aktionen von Ratinhos Cousin Jaime im stalinistischen Russland der 80er-Jahre reicht, verändert ein ungenauer Auftrag und ein kleiner Text von Franz Kafka Ratinhos ganzes Leben. Welches, liest man den Roman aufmerksam, dem eines jeden Lesers gar nicht so unähnlich ist.

von Lukas Hermann

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Erschienen: 06. August 2013 im Lilienfeld Verlag
160 Seiten, deutsch

Preis: 18,90€, Halbleinen, Fadenheftung
ISBN: 978-3-940357-31-1

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Ju Innerhofer — Die Bar

Ju Innerhofers Erzählung — die von der Länge wenn nicht an einen richtigen Roman, dann auf jeden Fall an eine Novelle mit ordentlich vielen Buchstaben heranreicht — ist eine Geschichte vom Berliner Nachtleben. Exzessiv, verschwommen, durcheinander und vor allem mit jeder Menge Drogen, Alkohol und Suffgeschichten zeichnet die ehemalige Medizinstudentin eine Szene ohne Grenzen und ohne einen Gedanken an morgen. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Mia ähnelt, wie so oft bei einem Erstlingswerk, stark ihrer Schöpferin. Auch die Autorin, die in Berlin als freie Journalistin und Autorin tätig ist, hat einige Jahre im Nachtleben der Stadt gearbeitet und kennt wie Mia und ihre beiden Freunde Victor und Jan jedes Verhalten, jede Schrulle Berlins und die Normalität des Exzesses der Hauptstadt.

Leider fehlt der Erzählung an für mich zu vielen Stellen die literarische Klasse (und wahrscheinlich auch einfach die Erfahrung), um diese gut gezeichnete Ausgangssituation mit Tiefe zu füllen. Zentrales Thema: die Verdrängung der Sterblichkeit. Ein eigentlich sehr wichtiges, welches aber leider einen Tick zu pathetisch und/oder zu banal transportiert und am Ende mit einer Gleichgültigkeit präsentiert wird, die eher unpräzise als gewollt wirkt. Das Ende der Geschichte ist schon bei genauem Lesen des (übrigens viel zu groß gedruckten) Rückentext der sonst sehr schönen Hardcover-Ausgabe, allerspätestens nach ca. 70 der 224 Seiten des Buches, mehr als nur absehbar. Das dadurch für den erfahrenen Leser in der Zwischenzeit von fast 150 Seiten entstehende Spannungsvakuum weiß die Autorin leider nur bedingt mit wirklich originellen Geschichten zu füllen.

Mehr gibt’s da auch leider nicht zu sagen. “Die Bar” ist ein Roman mit einem spannenden, zeitgemäßen Thema. Ju Innerhofer zeigt an einigen Stellen (und auch in ihrer sonstigen Arbeit) einiges schriftstellerisches Potential. Leider weiß sie in der Erzählung, die mit dem Metrolit Verlag auch in einem Haus mit durchaus gutem Programm erschienen ist, aus diesen guten Vorzeichen wenig bis gar nichts zu machen. In dieser Hinsicht also eine Enttäuschung, zwar nicht auf ganzer Linie, aber dennoch in großen Teilen.

(P.S.: Eine weitere nerviges Sache noch: Die Erzählung ist, vor allem in den letzten 50 Seiten, voll von offensichtlichen Rechtschreibfehlern. Unabhängiger Verlag mit wenig Kapital hin oder her, aber so viele fehlende “-s” am Ende von Wörtern, die in den Plural gehören und noch mehr nicht gesetzte Anführungszeichen gehen einfach gar nicht.)

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Erschienen: 20. Juni 2013 im Metrolit Verlag
224 Seiten, deutsch

Preis: 16,99€, gebunden (E-Book 9,99€)
ISBN: 978-3-8493-0039-5

Keine ZEIT für Buchkultur?

Es gibt Buchhändler, die ihre Buchhandlung mitten im Strukturwandel des Ruhrgebiets aufgrund einer immer mieser werdenden Rendite bei fast gleichbleibenden Umsätzen aus Gründen betriebswirtschaftlicher Vernunft schließen müssen.

Welche Freude, dann einen Artikel in der Zeit vom 25. Juli 2013 zu lesen, in dem die Befindlichkeit des Buchhandels in Europa bestens beschrieben wird. Die Teilnahmslosigkeit von Institutionen und Kulturpolitik ist Thema und die Strukturen, die zur Misere führen sind vortrefflich beschrieben. Es sind keine neuen Erkenntnisse und viele in der Branche haben die Entwicklung seit fast zwanzig Jahren verschlafen. Die niemals müden Mahner wurden, wie das auch in anderen Bereichen des Kulturbetriebs üblich ist, belächelt oder tatkräftig ins Abseits gedrängt. Schließlich ist der Artikel ein Bekenntnis der beiden Autoren Kilian Trotier und Maximilian Probst für einen freien und unabhängigen Buchhandel in ganz Europa und er ruft ebenso alle beteiligten Institutionen auf, ein Votum für oder wider den Bestand dieses Kulturgutes abzugeben.

Auch die aktuelle Ausgabe des Zeitmagazins konfrontiert seine Leserinnen und Leser mit der Entwicklung auf dem europäischen und deutschen Buchmarkt. Auf der Doppelseite 16 und 17 finden sich einträchtig nebeneinander der wiedererwachte Janosch (hoffentlich unbeabsichtigt) und ein Aufruf der ZEIT in eigener Sache. Mit den Worten „DIE ZEIT empfehlen und Kindle wählen!“ möchte das Wochenblatt Leser von sich und seiner Qualität überzeugen, die diese dann auf ihrem Kindle-Gerät unvoreingenommen testen können.

Ist das das Votum der Institution „Die Zeit“ gegen eine Zukunft des unabhängigen Buchhandels?

rv

Meilenweit nur Bücher (und Rhein)

Die Düsseldorfer Altstadt lädt heute, am 27.07.2013 und morgen, dem 28.07.2013 (jeweils von 11 bis 20 Uhr) zur traditionellen Büchermeile ein.

Über 60 verschiedene Buchhändler, Antiquare und private Verkäufer bieten entlang der Rheinuferpromenade zwischen Burgplatz und altem Hafen neue Seiten und alte Schätze an. Perfekt zum Stöbern, Entdecken — und vielleicht für die ein oder andere Literaturdiskussion gut.

Auch Sammler und Händler haben guten Grund zu kommen: die Anbieter hinter den Ständen können den Wert Ihrer Bücher auch sachkundig schätzen. Der zwei24-Ausflugstipp für dieses sonnige Juliwochenende!

Weitere Informationen zur Büchermeile und anderen Aktionen finden Sie auf der Webseite der Düsseldorfer Altstadt sowie der Initiative Literaturstadt Düsseldorf.

(Foto von der Büchermeile 2012: © Altstadt Marketing GmbH)

Julien Maret — Tirade

Avantgarde-Literatur im Stil des Expressionismus hat sich mir bisher nie erschlossen. Marets Roman “Tirade” bildet da… leider keine Ausnahme. Aber um der Kürze und dem Stil des Buches trotzdem gerecht zu werden, hier ein wenig experiementelles Versuchen und Besprechen:

Gut: Die Initiative ch Reihe und Pro Helvetia, die die deutsche Übersetzung dieses Romans möglich machten.
Schlecht: Die eigentlich sehr talentierten Coverdesigner von Diaphanes, die meiner Meinung nach die weiße Fläche auf dem Cover nicht wirklich gut gesetzt haben.

Gut: Die Kraft der Bilder, die in Marets Nebensätzen aufblitzt.
Schlecht: Die obligatorische Erstlingsroman-Krankheit, diese Bilder nicht verknüpfen zu können.

Gut: Die Sprachelemente, die an Kafka, Markson, Bernhard, Nabokov erinnern und sie fortführen.
Schlecht: Alle anderen Sprachelemente.

Gut: Die Klaustrophobie in einigen Passagen, in denen der Protagonist durch sein dunkles Rohr kriecht.
Schlecht: Die Klaustrophobie, die fehlte, als sie eigentlich hätte da sein müssen, damit das Buch wirkt.

Gut: Die Leitmotive am Ende, die an einen weit entfernten, aber eigentlich vor nur 80 Seiten abgedruckten Anfang einer langen Reise erinnern.
Schlecht: Die — genauso wie diese Besprechung — pseudointellektuell wirkenden Kapitelüberschriften und die fehlende Wut, die man ob des Romantitels erwartet.

Perfekt: Die Einschübe zwischen den | – Strichen.
Grauenvoll: Die Passagen ohne Sinn, die Assoziationen wecken sollen, es aber ungefähr einmal auf 15 Seiten schaffen.

Fazit: Für “Tirade” muss man in der richtigen Stimmung sein — eine Stimmung, die sich mir leider nur vereinzelt und zu selten erschloss, als dass ich das Buch empfehlen könnte.

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Erschienen: 23. Februar 2013 im Diaphanes Verlag
96 Seiten, deutsch

Preis: 12,95€, Broschur
ISBN: 978-3-03734-246-6
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Remixed: Der erste tOnbanden-Vinylstammtisch

Schallplatten, das weiß man von Grönland bis Feuerland und von Flensburg bis Konstanz, sind wieder in. Anders als bei der CD steigen die Einnahmen aus verkauften Vinylplatten langsam, aber stetig. Die LP feiert zurzeit eine Renaissance, vor allem bei jüngeren Musikliebhabern und Audiophilen aller Herren Länder. Ob sich Musikhörer nun wieder den Platten wegen angeblich besseren Klanges, des heimelig knacksenden Vinylknisterns, der schöneren Gestaltung oder dem hipsteresken Retro-Charme zuwenden, ist schwer zu sagen. Jeder hat da wohl seine eigene Begründung. Doch dass Vinyl seit mehreren Jahren längst nicht mehr das Medium für Omas alte Blasmusikmedleys und vollbärtige Liedermacher-Barden ist, ist inzwischen in viele Köpfe vorgedrungen.

Glücklicherweise auch in die Köpfe des tOnbande-Teams aus Dortmund. Die Gruppe junger kreativer Leutchen hat sich ein Lokal im hübsch-abgerockten Hafenviertel gemietet und will dort in den nächsten Monaten ein Refugium für die junge, kreative Szene in Dortmund aufbauen – was auch nötig ist. „Rekorder“, so heißt der Laden und „Vinylstammtisch“, so heißt dessen Veranstaltungsreihe. Alle zwei Wochen mittwochs darf jeder Musikliebhaber in den Rekorder reinschneien und einfach mal auflegen, was er so als Vinyl im Gepäck hat. Den Musikgenres sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Am 17. Juli fand der Vinylstammtisch im Rekorder zum ersten Mal statt. Gut 30 Leute standen mit dem Bier vor der Kneipe und erfreuten sich den Vinylklängen, die aus den Fenstern drangen. Die Musikauswahl selbst war an dem Abend mehr als eklektisch: auf uralte Trash-Singles von Frank Zander folgte verwaschener Gitarrenrock von Neutral Milk Hotel, auf schiefe deutsche Beatles-Coverversionen aus den 60ern berghaineskes Minimal-Geklicker. Was auf den ersten Blick befremdlich wirken mag, klang in der Praxis überraschend gut – als ein alle Grenzen sprengender Musikmix, der willkürlich von den Gästen selbst mitbestimmt wurde. Eine sehr feine, kleine, entspannte Veranstaltung – nicht nur für Leute mit Schallplattenfetisch. Auch für normale Leute.

von Matthias

Nächste Termine (jeweils ab 20:00 Uhr):

31.07.2013
14.08.2013
28.08.2013

Glänzend Schwarz im tOnbanden-Rekorder

Der heutige zwei24-Veranstaltungstipp wird gesponsort von: den fast schon einen mittelgroßen Raum füllenden Kulturbegeisterten der Dortmunder Nordstadt.

Nach der großen Eröffnung am 12.07. lädt der Rekorder, die Trink- und Begegnungslocation des Dortmunder Künstlerkollektivs tOnbande heute zum Vinylstammtisch. Ab 20 Uhr. Aber wirklich ab 20 Uhr.

Jeder darf die Platten mitbringen, von denen er denkt, dass sie wirklich jeder kennen sollte und auflegen. Klassisch bis subgelabelt. Das lädt quasi zu Diskussionen und Neuentdeckungen ein; auch mit der zwei24-Redaktion, die zumindest halb anwesend sein wird.

Und denen, die es heute abend nicht mehr schaffen sei gesagt, dass die Veranstaltung zumindest bis zum 28. August 2013 jeden Mittwoch stattfinden wird. Und dann wird die Musik bestimmt genauso gut sein wie heute.

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